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Überfahrt einer 50-Jährigen

Unterwegs mit dem am Unterwasserschiff neu gestrichenen und in technischen Details überholten MS Lamara von der Barther Werft nach Baabe.

Barth/Baabe Die Barther Kirchenglocken läuten den Sonntag ein. Durch das Tor der Schiffswerft passiert eine kleine Gruppe einen Raddampfer im Retro-Look. Bootsfrau Anja Lawatsch bewundert dessen Bugstrahlruder. Sie ist Miteigentümerin des echten Oldtimers MS Lamara und mit Kapitän Heiner Olbert auf Tour. Das Motorschiff "Lamara" soll nach ihrer dreimonatigen Überholung in der Barther Werft wieder an seinen Stamm-Liegeplatz am Baaber Bollwerk auf Rügen überführt werden.

"Als das Unterwasserschiff fertig war, kam das Eis. Die neue Farbe wollten wir da nicht riskieren", sagt Olbert zur langen Werftzeit. SUK hat das Schiff bekommen. Das ist der Schiffs-TÜV. Und wie das so ist bei einem fünfzigjährigen Oldtimer, ging es um Details. "Als die Ruderwelle, bisher aus Stahl, wegen ein paar Millimeter Spiel zu neuen Lagern rauskam, stellte sich oben heraus, dass große Riefen sich eingefressen hatten. Was tun? Wir bestellten eine aus Edelstahl, mussten jedoch bis zu deren Fertigstellung wieder vom Slip ins Wasser", führt Olbert weiter aus. Der Rumpf sei beschallt worden, um die aktuelle Dicke zu prüfen. Die schwindet, weil trotz der sogenannten Opferannoden zum Ableiten des durch Bewegung entstehenden elektrischen Stroms der Stahl langsam dünner wird. Opferannoden wurden ebenso erneuert wie das Ruderblatt geprüft und der Unterwasseranstrich aufgefrischt. Am Schornstein wurde das Lamara-Zeichen von der Rumpf-Spitze aufgeschweißt und das vormals unklare Ocker nun auf ein echtes Gelb erneuert. "Eine Saison wird die Amortisation der Kosten wohl benötigen, wenn diese einigermaßen gut ausfällt", rechnet Olbert.

Dann zieht er sich mit dem für die Überfahrt mitgenommenen, befreundeten Navigator Jürgen Seele auf die Brücke zurück. Der Barther Bodden ist im Zickzack zu befahren und birgt viele Gefahren durch Untiefen. Kurz darauf steht Heinrich Olbert im Blaumann im Maschinenraum. Die Kipphebel der Ventile müssen vor dem Start und dann alle zwei Stunden geschmiert werden. Klassische Arbeit mit dem Ölkännchen für den Schmiermaxen. Der heißt in unserem Fall Matrose und Anja Lawatsch, die sich zwischen Gästen, Maschine und den anderen, beweglichen Arbeiten an Bord bewegt. Olbert erklärt vor dem Start das Phänomen Wasserschlag. "Das geschieht bei Wasser im Zylinder, das sich im Gegensatz zu Gasen nicht verdichten lässt. Daher wird jeder Kolben in eine bestimmte Position gedreht, um Wasser auszuschließen. Ein Wasserschlag bedeutet Explosion und das absolute Aus für einen Motor." Doch natürlich startet die Maschine. Heiner Olbert manövriert die "Lamara" auf der Stelle im Hafen auch ohne Bugstrahlruder und steuert sie der Ausfahrt entlang der Barther Stadtkulisse zu. Zeit zu reden, da Nebel und Dunst jegliche Optik an Land schlucken. 1990 fand die "Lamara" von Laboe kommend in Baabe eine neue Heimat. Mit dem Schiff werden Fahrten rund Vilm und auf der Having angeboten. Seit 2003 haben Heinrich Olbert und Anja Lawatsch den Betrieb übernommen. Als die frühere Beamtin Lawatsch und Olbert als Fluss- und Hafenkapitän den Betrieb aufnahmen, trafen sie einen Fahrgast aus Wewelsfleth, der in der Werft von der "Lamara" erzählte. Nur kurze Zeit später kam Manfred Kleinke, Vorstandsvorsitzender der Peters Schiffbau AG, vorbei. Während einer Fahrt um die Insel Vilm habe Manfred Kleinke aus der Vergangenheit geplaudert und wie das Schiff 1959 mit der Baunummer 500 für einen Kieler Reeder gebaut worden sei. Als Seeschiff für sogenannte Butterfahrten nach Dänemark.

Das Kommando für Dieter Partsch, den Masten zu klappen, erinnert dann an die Gegenwart mit dem nahenden Rügendamm. Drunter durch und 16.18 Uhr ist die "Lamara" nach Fahrt durch die Having wieder im Binnengewässer. Gegen 16.52 Uhr liegt sie nach sechs Stunden Fahrt fest. "Wir haben noch vier Wochen, bis die Saison beginnt, weiß Anja Lawatsch. "Und am 14. Juli wird mit der Lamara Geburtstag gefeiert, kündigt der Kapitän an."

HINTERGRUND
Der Schiffsdiesel MAK MV 36 wurde 1959 auf der Werft Hugo Peters in Wewelsfleth an der Stör in die "Lamara" eingebaut. Bei einer Umdrehung von 500 U/Minute bringt der "Langhuber", also ein Motir mit langem Hubraum, 118 kW, was 160 PS entspricht, auf die Schraube. Er treibt damit 124 Tonnen bei einer Verdrängung von 113,85 m3. Die "Lamara" ist 29,33 Meter lang und 5,86 Meter breit (1,50 Meter Tiefgang). Da das Schiff, das am 14. Juli seinen 50. Geburtstag feiert, für die Hochsee als Butterschiff "Sonderborg" gebaut wurde, ist es als Oldtimer im Bodden noch immer mehrfach abgesichert.

ANDREAS KÜSTERMANN

Quelle Ostseezeitung 11.03.2009

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