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Schwimmende Oldtimer liegen neben Dienstschiffen

Die Schiffswerft Barth haben nahezu alle kleinen Fahrgastschiffe schon einmal gesehen

Barth. Manche Rügener Saisonarbeiter haben auch im Winter keine Ruhe. Wie Kapitän Heinrich Olbert und seine Lebensgefährtin Anja Lawatsch. Sie betreiben im Sommer vom Baaber Bollwerk aus das Motorschiff Lamara. Nachdem sie sich im Winter 2003 bis ins Frühjahr Zylinderköpfe und Ventile des alten Vierzylinder-Schiffsmotors am Liegeplatz vorgenommen hatten, war nun das Unterwasserschiff an der Reihe. Mit dem Luxus einer Werft unter Dach. Vier Wochen klopften sie in der Schiffswerft Barth Rost, legten die Nieten frei, grundierten und walzten das originale blau-weiß oben und grau unten auf den 1959 für die Butterschifffahrt in der Nordsee gebauten Schiffsrumpf.
"Die Halle kostet pro Tag . . . ganz schön Geld", sagt Heinrich Olbert in einer Pause auf dem Gerüst in der Schiffswerft Barth GmbH. Fast zierlich sieht das große Fahrgastschiff nun aus, wie es auf Holzblöcken und mit nur vier Stützen versehen, auf der schiefen Ebene des Slips liegt. Es reizt mit 30 Metern fast die Kapazitätsgrenze der Halle von 32 Metern aus. Während die Werftarbeiter in der Weihnachts- und Neujahrspause waren, klopft das Familienunternehmen Rost, baut ein Echolot ein, malert. "Das ist sehr entgegenkommend hier von der Werft, dass sie uns einfach arbeiten lassen. Sonst wäre das wahrscheinlich zu viel geworden", sagt Olbert mit der typischen Bewegung zwischen Daumen und Zeigefinger. Insgesamt investiert das Fahrgastunternehmen ohne die Eigenarbeiten dennoch eine hohe, fünfstellige Summe. Und wie immer wird über genaue Zahlen nicht gesprochen. "Das zum Thema 'Du musst ja Geld haben, du hast doch ein Schiff'", sagt Olbert trocken, dem man den leichten Singsang der süddeutschen Weinstraße in der Sprache noch anhört. "Wir fahren wirtschaftlich, gehen aber mit solchen notwendigen Investitionen immer wieder an Grenzen", weiß der Kapitän um die langfristige Perspektive der Arbeiten. Und natürlich auch, dass vieles früher gemacht und damit heute hätte vermieden werden können. Anerkennend seien die Blicke der Stahlspezialisten in Barth nach den ersten, bedenklichen Ausrufen beim Eintreffen dann doch noch geworden. "Spätestens, als das Loch fürs Echolot gebrannt wurde, stellte sich heraus, wie gut das genietete Unterschiff ist", bleibt es Olbert natürlich in Erinnerung. Weshalb der Erhalt der Klasse für Revier zwei – die Lamara fährt Binnenrevier rund Vilm ab Bollwerk Baabe auf Rügen – auch von der Materialsubstanz her ganz unproblematisch gewesen sei, bestätigte auch Geschäftsführer Armin Pfeiffer, der sich immer freut, solch alte Fahrgastschiffe in seiner Werft zu haben. "Die Ältesten aus dem Revier zwischen Barhöft und Stralsund sind nahezu 90 Jahr alt", kennt er sein Kundenpotenzial gut. Aber auch die "Sebastian" von Lauterbach kommt regelmäßig. Sonst landen hier im Winter nahezu alle Dienstschiffe von BGS und Wasserschutzpolizei. "Für uns eine gute Sache, denn da weiß ich immer, dass das Geld pünktlich kommt."
2,2 Millionen Umsatz macht die Werft im Jahr mit ihren 25 Beschäftigten, zwei Millionen davon mit Reparaturen. Die Auftragslage hätte einen Betriebsurlaub zum Jahreswechsel eigentlich nicht zugelassen, sagt Armin Pfeiffer schmunzelnd. "Jetzt müssen meine Leute wieder Überstunden machen. Aber die haben so gut gearbeitet, dass das einfach sein musste." Gerne würde er auch noch weitere Schiffe nach Barth locken, doch die Sliplänge und der Tiefgang von drei Metern lassen derzeit nicht mehr zu. An einem weiteren Travellift für längere Schiffe wird aber gearbeitet. Stolz ist er dennoch: Fast alle Fahrgastschiffe mit passender Größe schätzen die Schiffswerft Barth.
Zurück zur Lamara, die noch zwei neue, schottartige Türen aus seewasserfestem Aluminium angefertigt und eingebaut bekommen hat. "Viele Rostschäden müssten eigentlich bei etwas Pflege nicht sein", konstatiert der frühere Rheinschiffer, der die Lamara erst in die dritte Saison steuert. Nun liegt das gute Stück seit dem 11. Januar wieder in blau und weiß mit der typischen Nasenbemalung im Wasser und startete gestern zur Heimfahrt auf die Insel Rügen.

Ostseezeitung vom 13. Januar 2005



2005 ostSeh / andreas küstermann

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